Keine Berliner Verhältnisse für Hiddensee

Ostsee Anzeiger 10. August 2011 von Andreas Pfaffe Zunehmender Schwarzwildbestand sorgt für Schäden auf „Sötem Länneken".
Rügen/Hiddensee (apf). Ein Hilferuf von der Insel Hiddensee ereilte mit Schreiben vom 18. Juli den Kreisjagdverband Rügen. „Durch den großen Überschuss an Wildschweinen werden jetzt auch unsere Gärten bis in unmittelbarer Nähe des Hauses durchwühlt.

Es ist dringend, auch zum Schutz der Feriengäste, etwas dagegen zu unternehmen", schrieben Dr. Renate und Wolfgang Franke aus Vitte. Mehr noch: Die Schäden, durch die sich sicher wähnenden Sauen verursacht, sind auch an Küstenschutzeinrichtungen nicht zu übersehen. So bleibt mit Zunahme des Schwarzwildbestandes festzustellen, dass immer wieder viel Geld in die Hand genommen werden muss, um diese Schäden wieder zu beseitigen.

Das dem so ist, zeigt die Strecke des Schwarzwildes auf Hiddensee. „Ich selbst war von 1972 bis 1992 Jäger auf Hiddensee. Bis 1990 habe ich ein Stück Schwarzwild erlegt und drei Stück gesehen.
Auch auf Rügen war Schwarzwild Jahrhunderte lang nicht heimisch. Erst im 20. Jahrhundert wurden Sauen ausgesetzt und hier heimisch", macht Prof. Dr. Axel Siefke, stellvertretender Vorsitzender der Hegegemeinschaft Rot- und Damwild Rügen aufmerksam.
Und die aktuellen Zahlen verstärken dies. Wurden 1992/93 noch sechs Stück Schwarzwild zur Strecke gebracht, lag die Anzahl bis 2004 immer im Bereich bis 17 Stück. Seit 2004/05 steigt die Strecke rapide an - bis auf 57 im Zeitraum 2010/11.
Bereits zur Delegiertenversammlung des Kreisjagdverbandes Rügen am 9. April machte Heinz-Jürgen Eckhardt, Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Hiddensee, in einem schriftlichen Redebeitrag auf das Problem aufmerksam. „Die etwa 1.000 Hektar Jagdfläche auf Hiddensee befindet sich zur Hälfte im Besitz der Hansestadt Stralsund und zur anderen Hälfte im Besitz von Hiddenseer Bürgern. Die schützenswerte Landschaft wurde durch Generationen von Hiddenseern geprägt.
Die Errichtung von großflächigen Wildschutzgebieten im Norden der Insel, Neubessin und Bug auf Rügen, und im Süden der Gellen und der Bock bringen uns Probleme.
Trotz intensiver Schwarzwildbejagung wechselt immer wieder aus diesen Wildruhezonen Schwarzwild ein. Auf der Insel Hiddensee wurden im Jagdjahr 2010/11 53 Sauen erlegt und sieben Stück ertrunken aufgefunden", schildert er das Problem.
Ein vor Jahren aus diesem Grunde gestellter Antrag auf Jagdausübung auf dem Gellen wurde von Landwirtschafts#minister Till Backhaus abgelehnt. Auf dem Gellen und dem benachbarten Bock, #beides sind als Wildruhezonen ausgewiesen, ist jegliche Jagd verboten.Gemeinsame Problemlösung der Entscheidungsträger avisiert.

Auf dem Gellen, heute Kernzone 1 im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, mit einer Größe von etwa 170 Hektar haben wir Einwohner bis Anfang der 80er Jahre unsere 200 Schafe und etwa 50 Jungrinder den Sommer über weiden lassen. Die Vogelwelt dankte es uns.
Heute lehnt man eine Beweidung ab. Die Folge ist: Vogelbruten gleich Null. Fuchs und Sauen fühlen sich wohl", so Heinz-Jürgen Eckhardt.
Das Problem: Die ganze Insel Hiddensee, mit Ausnahme der Territorien der Inselgemeinden, ist vom Schutzstatus der Nationalpark-Jagdverordnung überzogen, wobei die Jagd im südlichen Teil, dem Gellen, vollkommen untersagt ist. Vom Bock über den Gellen und vom Bug über den Neubessin wechselt in den vergangenen Jahren das Schwarzwild und bevölkert zunehmend alle Teile der Insel Hiddensee. Mit der Folge von Deich- und Flurschäden.
Die Nationalpark-Jagdverordnung vom Dezember 2010 brachte mit Kirrverbot (Anfütterung), Jagdeinschränkungen und Bürokratisierung bei der Errichtung von jagdlichen Einrichtungen Erschwernisse bei der Ausübung der ehrenamtlichen Tätigkeit der Jäger auf Hiddensee. „Wir müssen die Sauen aus dem dichten Schilfgürtel heraus bekommen, um sie, im sicheren Abstand zum sumpfigen Schilfgürtel zur Strecke bringen zu können", so Eckhardt, der zudem zu bedenken gibt, dass die Jäger der Insel nicht motorisiert, sondern mit dem Fahrrad, die gesellschaftlich relevante Aufgabe der Hege und Pflege des Wildbestandes realisieren. Dazu sind zielgerichtete Kirrungen auf Grund des gewachsenen Bestandes an Schwarzwild unerlässlich. „Denn selbst wenn ich die Sau im zunehmenden Schilfgürtel, der mit toten Fischen und Vögeln und anderen Anschwemmungen eine reichliche Nahrungsquelle für die Sauen darstellt, erlegen könnte, so würde ich sie aus dem sumpfigen Terrain mit Muskelkraft nicht bergen können", so Eckhardt. „Hier müssen wir etwas verändern", so Holger Nebel, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes, der auf Grund der prekären Situation am 26. Juli im Namen der Jagdgenossenschaft Hiddensee beim Nationalparkamt Vorpommern den Antrag stellte, §6 (6) der Nationalpark-Jagdverordnung, der die Kirrungen verbietet, auszusetzen.
Am vergangenen Donnerstag überzeugte sich Gernot Haffner, Leiter des Nationalparkamtes Vorpommern, selbst von den Zuständen auf Hiddensee.
Grundsätzlich ist das Nationalparkamt für die Umsetzung der Nationalpark-Jagdverordnung zuständig, welche er auch als äußerst sinnvoll empfindet. Was die Kirrungen betrifft sei er der Auffassung, dass Hiddensee für das Schwarzwild ursprünglich ein futterarmer Lebensraum sei.
Die Kirrjagd trage dazu bei, dass sich der Ernährungszustand verbessere und die Sauen bleiben. „Falscher Kirrbetrieb würde das Gegenteil bewirken", so Haffner. Denn dann wäre es ja irgendwie Fütterung.
Holger Nebel hält dem entgegen, dass man von maximal drei bis fünf Kirrungen spreche, wo täglich in den Mondphasen bis zur Regulierung des Schwarzwildbestandes ein paar Hände Mais ausgebracht würde. Hier könne nicht von Fütterung die Rede sein. Zudem ist eine Kirrung das effektivste legale Mittel zu Sauenbejagung. Etwa 80 Prozent der 2.600 Stücken Schwarzwild wurden im vergangenen Jagdjahr an Kirrungen im Kreis Rügen erlegt.
Die Schäden an den Deichkronen sind auch für Gernot Haffner nicht übersehbar. Zwar stellen diese derzeit keine Gefahr dar, aber dennoch müsse man etwas unternehmen, um mögliche negative Folgen eben für die Deiche und auch für den Tourismus zu verhindern. „Wenn wir über eine Modifizierung der Nationalpark-Jagdverordnung sprechen wollen, so müssen wir das immer im konkreten Einzelfall tun", so Haffner. „Für besondere Gebiete wie im konkreten Fall die Insel Hiddensee müssen wir gemeinsam mit den Entscheidungsträgern und dem Jagdverband darüber nachdenken, wie wir einvernehmliche besondere Lösungen finden." Dies soll in der nächsten Zeit gemeinsam mit dem Land passieren.
Dies dürfte insbesondere auch deshalb notwendig sein, da höhere Schwarzwildbestände auch die Gefahr in sich bergen, Krankheiten zu verbreiten. „Es ist besser einen geringeren Wildbestand zu haben und diesen zu entwickeln, als einen höheren Wildbestand zu bejagen", so Prof. Axel Siefke
Eines sollte an dieser Stelle aber auch Erwähnung finden: Prof. Axel Siefke verweist darauf, dass auch die Bevölkerung selbst dazu beitragen kann, dem Problem zu begegnen, indem strikt darauf geachtet wird, dass dem Schwarzwild kein zusätzliches Nahrungsangebot gemacht wird. Offene Komposthaufen im Garten würden die Sauen förmlich zum Fressen und Wiederkommen einladen. „Wenn nichts getan wird, entwickelt sich das Problem möglicherweise auf Hiddensee so, wie in Berlin, wo die Sauen auch vor der Stadt nicht Halt machen."

 

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