Fragen an den Vorsitzenden des Kreisjagdverbandes

Ostsee Anzeiger 20. April 2011 Im Anschluss an die Delegiertenkonferenz fragte OSTSEE ANZEIGER - Der Rüganer (OAZ) beim Vorsitzenden des Kreisjagdverbandes Rügen , Holger Nebel (HN), nach:

OAZ: Wo liegen die Hauptprobleme der Verordnung?

HN: Zum Ersten ist der Geltungsbereich zu nennen: Die Verordnung gilt auf allen Flächen des NLP, also neben der Stubnitz auch Westrügen, Hiddensee sowie die über Jagdgenossenschaften verpachteten Splitterflächen. Bei strenger Auslegung haben die dortigen Jäger nun 2 Jagdzeiten auf den Bock innerhalb des Revieres; Fuchs und Marderhund müssen vor der „Schutzgebiets-Grenze" im Revier erlegt werden, Schwarzwild darf nicht mehr effektiv angekirrt werden und geschlossene Kanzeln dürfen nicht mehr Neuerrichtet werden. Besonders die Insel Hiddensee ist betroffen, bisher mussten die Jagdgenossen (Grundeigentümer) dem errichten von jagdlichen Ansitzen zustimmen, dies behält sich nun das NLP- Amt vor. - völlig Praxisfremd: im Herbst/ Winter halten Sie es kaum 20 Minuten im Wind bei eisigen Temperaturen aus, wie sollen Sie dann noch auf Sauen ansitzen? Der Schwarzwildbestand ist durch Zufallserlegung mit Sicherheit nicht zu reduzieren.
Auch ist die Jagdausübung auf Schalenwild beschränkt; die sammelnden Allesfresser wie Fuchs und Marderhund dürfen nur zu Untersuchungszwecken erlegt werden. Diese nehmen u.a. auch Amphibien und Gelege auf, was sich negativ auf die Artenvielfalt auswirkt. Unakzeptabel sind auch die Abschusskriterien, die denen der Hegegemeinschaft widersprechen.

OAZ: Warum hat das Ministerium die VO geändert?

HN: Ausschlaggebend sind wohl bundesweite „grüne" Tendenzen. Die Jagdentfremdeten Gegner der traditionellen Jagd aus dem hauptberuflichen Naturschutz prangern überhöhte Wildbestände an ohne jedoch den Bestand genau beziffern zu können, Wild kann man nicht zählen. Aktuell reitet man auf Wildwirkungs- Ergebnissen rum- allerdings gibt es kein Verfahren welches die Höhe des Bestandes wiederspiegelt. Die Wirkung des Wildes ist unter anderem auch stark abhängig von Störungen durch Waldbesucher, Geocoacher, freilaufende Hunde und auch Drückjagden zu Notzeiten. Das winterliche Äsungsangebot im gesamten Lebensraum des Wildes wird hierbei nicht untersucht, was soll das Wild denn äsen, wenn hohe Strauchschichten( z.B. Brombeere, Himbeere) in der Stubnitz fehlen? Die Veränderungen der Fruchtfolgen in der Landwirtschaft tun ihr übriges. Wild hält sich nicht an Schutz- Grenzen!
Prof. Hofmann brachte es unlängst bei einer Tagung in Thüringen auf den Punkt: Um den Verbissdruck von den Bäumen zu nehmen benötigt das Wild auf 20 Prozent der Waldfläche Wiesen mit Kräutern... wo gibt es diese noch? Die Wiesen werden nicht mehr gepflegt, verschilfen und sind somit unattraktiv für das Wild. Auch müssen wir das Thema der Fütterung beachten; früher standen in jedem Wald Raufen, die Förster sorgten letztlich auch zum Schutz der Bäume für Raufutter und Baumfrüchte in der äsungsarmen Zeit. Heute darf nur bei ausgerufener Notzeit gefüttert werden.

OAZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

HN: Als oberste Aufgabe der Jagdausübung zitiere ich die Präambel des Landesjagdgesetzes:
„ Die freilebende Tierwelt ist wesentlicher Bestandteil der Natur. Sie ist als Teil der überregionalen natürlichen Umwelt in ihrer Vielfalt zu bewahren. Die Hege ist eine gesellschaftliche Aufgabe und hat die Nachhaltigkeit der Vorkommen an heimischen Wildtierarten zu gewährleisten."- dies gilt natürlich auch für das kaum noch vorkommende Niederwild wie Rebhuhn, Fasan und co., leider sind Arten wie Wolf, Nandu, Rabenvögel oder Feldlerche aktuell Medienwirksamer und erhalten mehr Unterstützung anderer Verbände und des Ministeriums.
Für Rügen wünsche ich mir die Vermeidung von weißen Flecken auf der jagdlichen Landkarte. Das Wild stellt sich dort ein, wo es Ruhe, Deckung und Äsung findet. Wenn die Jägerschaft nun an gesetzlich geschützten Biotopen wie Röhrichtbeständen oder Großschutzgebieten eingeschränkt wird müssen wir in Zukunft die Frage des Wildschadenersatzes neu definieren. So wird in den LSG Verordnungen von Westrügen und Südwestrügen u.a. das errichten von neuen jagdlichen Einrichtungen verboten. Diese sind jedoch abhängig von der Fruchtfolge auf dem Acker; ein alter Sitz nutzt gar nichts wenn der Maisschlag 400 m weiter beginnt. Auch sind erhöhte jagdliche Einrichtungen bezüglich der Sicherheit ein Muss, brauchen wir doch Kugelfang um Personen- und Sachschäden zu vermeiden.
Das der Jäger „Schuld" an eintretenden Schäden durch herrenloses Wild ist muss künftig bei Überreglementierung überdacht werden.
Die Naturschutz- Diskussionen sollten auf Sachebene geführt und nicht irgendwelchen grünen Ideologien nachgelaufen werden. Leider wird immer wieder vergessen, dass es die Förster vor langer Zeit waren, die die Wälder in ihrem heutigen Erscheinungsbild angelegt haben; die Landwirte gestern wie heute das Landschaftsbild in unserer Kulturlandschaft prägen- mit allen Vor- und auch Nachteilen.
Wünschenswert ist auch jagdlicher Nachwuchs- der demographische Wandel geht auch an uns nicht vorbei, die Jägerschaft altert und die gesellschaftlichen Jagd- Aufgaben werden zunehmen. Bei entsprechender Nachfrage würden wir auch kurzfristig einen Jungjägerlehrgang durchführen.

OAZ: Danke für die ergänzenden Erläuterungen Herr Nebel.

OSTSEE ANZEIGER wird die Öffentlichkeit über die Arbeit des Kreisjagdverbandes weiter auf dem Laufenden halten.

(Das Interwiev führte Andreas Pfaffe.)