Streit um Wildbestand im Nationalpark

OZ vom 20.01.2010 von LENA ROOSEN  Bezüglich des Wildbestandes in Deutschlands kleinstem Nationalpark gibt es völlig gegensätzliche Aussagen: Zu viel oder zu wenig Wild.

Hagen (OZ) - Jäger gegen Ökologen, Ökologen gegen Jäger - während die einen über zu geringe Wildbestände klagen und gerne mehr Hirsche vor die Flinte bekämen, bemängeln die anderen Fraßschäden von Reh- und Damwild und fordern höhere Abschusszahlen. Im Nationalpark Jasmund ist ein Streit darüber entbrannt, welche Wilddichte dem Gebiet gut tut und wie die Jagd organisiert werden soll, zum Wohl von allen - von Jägern, Feinschmeckern, Touristen und Naturschützern. Michael Weigelt, Dezernent vom Nationalparkamt Vorpommern, räumt ein: „Im Sinne eines gesunden Waldes haben wir zu viel Wild, uns fehlt aber eine schlüssige Strategie, wir haben uns methodisch festgefahren." Anders der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes, Holger Nebel: „Wir haben ein schlechtes Gewissen, wir haben zu stark eingegriffen, der Wildbestand ist rückläufig." Ausgelöst wurde die Debatte durch die Äußerung des auf Wildgerichte spezialisierten Hagener Gastwirtes Uwe Kasten, es gebe viel zu wenig Damwild im Nationalpark, ja mittlerweile sogar damwildfreie Zonen. Der clevere Feinschmecker beantragte eine Genehmigung für ein eigenes Gehege und kann aus diesem Bestand seit zwei Jahren jährlich rund 30 Stück Wild entnehmen und so den Bedarf seiner Gäste an Wildbret decken.

Wie hoch soll der Wildbestand sein, wieviel Damwild darf sich in einem Nationalpark tummeln? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Während sich landesweit die Jäger nach einem Jagdjahr mit Rekordabschusszahlen auf die Schultern klopfen und Lob vom zuständigen Ministerium einheimsen, stöhnen Bauern und Naturschützer über immer noch enorme Schäden in der Landwirtschaft und Probleme im Wald. Die im Nationalpark überwiegend wachsende Buche schaffe es gerade noch, gesund zu bleiben und nachzuwachsen, andere Baumsorten wie Ahorn oder Esche aber hätten keine Chance, betont Weigelt. „Im Park an zehn Stellen vorgeschriebene sogenannte Weisergatter, Umzäunungen, innerhalb derer Bäume und andere Pflanzen ganz ohne Verbiss durch das Wild wachsen können, zeigen, was der Wald täte, wenn man ihn ließe", beschreibt Weigelt die Situation. Als Beispiel verweist er auf den geschützten Frauenschuh, der inzwischen im Nationalpark nicht mehr vorkommt. Auch in diesem Punkt vertritt die Jägerschaft eine andere Theorie und fordert mehr forstwirtschaftliche Maßnahmen zur Verjüngung des Waldes.

Laut Weigelt sind derzeit 217 Stück Damwild im Park registriert, der Bestand sei aber weitaus höher.„Einmal im Jahr wird gezählt, aber nicht jeder Hirsch lässt sich erwischen." Nach einer Vorgabe aus Schwerin sollen es höchstens 174 sein. Auch die für die aktuelle Jagdsaison festgelegte Abschussquote wurde nicht erfüllt. „125 haben wir geschafft, 190 Tiere waren das Ziel", beschreibt Weigelt das Dilemma. „Viel zu viel", wettert Nebel vom Jagdverband.

Ethische und touristische Aspekte gegen eine weitere Ausdünnung des Wildbestandes führt Norbert Müller aus Sassnitz ins Feld. „Wo bleibt die Achtung vor der Kreatur, soll das Wild völlig ausgerottet werden?", fragt er in einem Leserbrief an die OZ. „Dem Spaziergänger zeigt sich kein Wild mehr, was aber ist der Nationalpark ohne Wild?" Ein solches Szenario will Weigelt nicht gelten lassen. „Natürlich gibt es Bereiche mit weniger Wild, zum Beispiel Gebiete ohne Deckung und Futter." Müller fordert von Jägern und Forstleuten, das Wild als Standortfaktor zu berücksichtigen.

Traditionelle Jäger wie Holger Nebel unterstützen ihn: „Wild gehört in unsere Kulturlandschaft, wo soll man frei lebende Tiere sonst beobachten, wenn nicht im Nationalpark?" Und: „Wenn wir solche Naturschauspiele weiter sehen wollen, müssen wir mit der Verringerung der Wildbestände jetzt aufhören."
LENA ROOSEN