Streit eskaliert: Kopfprämie für den Marderhund

OSTSEEZEITUNG (Rügen) vom 15.05.2010, von Chris-Marco Herold
Rügens Jäger laufen gegen eine neue Verordnung Sturm. Die hat eine Jagdruhe im Nationalpark zum Inhalt. So kann sich beispielsweise der Marderhund ungehindert vermehren.

Lohme/Sassnitz Holger Nebel ist zwar nicht am Ende seines Lateins, aber er kommt aus dem Kopf schütteln nicht mehr raus. "In Schwerin war man offensichtlich der Meinung, dass man die Jagd neu erfinden muss", ließ der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Rügen die Lohmer Abgeordneten wissen. Nicht ohne Grund: Die Kommune ist Nachbargemeinde des Nationalparkes Jasmund und dort ist seit dem 1. April eine "Wildmanagementanweisung". der grundlegende Inhalt. Vom 11. Januar bis zum 31. Juli herrscht Jagdruhe. Nebel dazu: "Die Jagd verkommt so zu einer Schalenwildjagd. lediglich Schmalrehe und Böcke dürfen vom 1. Mai bis zum 15. Juni gejagt werden. Die Bejagung von Marderhunden, Füchsen und Schwarzwild muss dagegen unterbleiben." Für den Chef der Rügener Jäger ist dies ein Unding. "Ich halte dies für grob fahrlässig", sagt er und verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf den Marderhund und dessen "besorgniserregende Strecke auf Jasmund". Auf der Halbinsel vermehre sich das Tier ungehindert, weil es keine natürlichen Feinde hat. Waren noch vor vier Jahren auf Jasmund 78 Marderhunde zur Strecke gebracht worden, waren es 2009 schon 184, davon im Nationalpark 10 beziehungsweise 53.
Was Holger Nebel an dem nachtaktiven Allesfresser in erster Linie stört? "Diese sind überwiegend an bei Kontakt übersiedelnden Räude-Milben befallen. Ebenso können sie Staupe, Trichinen, Tollwut und den Fuchsbandwurm übertragen. Die Wirkung dieser Spezies wird leider auch auf die Amphibien übertragen, deren Bestand ohnehin rückläufig ist", sagt er und kommt zum Schluss: "Der über die Nationalpark-Grenzen hinweg möglicherweise eintretende Schaden beispielsweise durch Seuchen wird billigend in Kauf genommen - auch touristischer Schaden." Fürs Schwarzwild hat er keine andere Einschätzung übrig: "Das ist derzeit keine Problemwildart auf Jasmund, allerdings kann der Bestand dieser Art schnell anwachsen und zu Schäden in der Landwirtschaft sowie im schlimmsten Fall zum Ausbruch von Schweinepest führen. Meiner Meinung nach muss das Landwirtschaftsministerium die Verantwortung für mögliche Schäden in der Landwirtschaft sowie möglicherweise auftretende Seuchenzüge übernehmen." Mit der "Wildmanagementanweisung" solle die Störung des Wildes vermieden werden, ist aus Schwerin zu hören. Und Marion Zinke, Sprecherin von Landwirtschaftsminister Till Backhaus führt aus: Da Raubwildarten dem Schutzzweck im Nationalpark keinen Schaden zufügen, dürfen diese auch nicht bejagt werden. Ausnahmen bilden tierseuchenrechtliche Gründe. Zudem habe es im Vorfeld der neuen Verordnung "zahlreiche Erörterungen mit den beteiligten Interessenverbänden gegeben".
"Das war eine mehrheitlich mit jagdlichem Halbwissen ausgestattete Arbeitsgruppe, deren Hauptanliegen der Schutz der Bäume vor verbeißendem Schalenwild ist", entgegnet Holger Nebel und vermutet: "Dem Minister geht es doch in erster Linie darum, dass er für den Buchenwald des Nationalparkes den Weltnaturerbe-Titel bekommt." Für Dr. Michael Weigelt ist es "schlimm genug", wenn Beutegreifer zur Strecke gebracht würden, weil so ins ökologische Gleichgewicht eingegriffen werde. "Ohnehin wollen die Jäger nur jagdliche Traditionen beibehalten", sagt der Dezernent in der Außenstelle Stubbenkammer des Nationalparkes Vorpommern.
"Das muss der ja so sehen", meint Nebel und fragt, "warum auf den kleinen Inseln, wo die Vögel brüten, weiter Raubwild wie der Marderhund gejagt wird?" Und vermutet: "Weil es da ja um Vögel geht, aber hier nur um Menschen." Matthias Ogilvie sieht dies keineswegs anders. "Für jeden erlegten Marderhund zahle ich aus eigener Tasche 20 Euro", lässt der Bürgermeister der Gemeinde Lohme die Öffentlichkeit wissen.

HINTERGRUND

Von Ostasien in Richtung Westen ausgebreitet.

Der Marderhund oder Enok gehört zur Familie der Hundeartigen und stammt aus Ostasien. Als Pelztier wurde er in den 1930er Jahren im europäischen Teil der ehemaligen UdSSR ausgesetzt. Von dort breitete er sich rasch nach Westen aus und besiedelte Osteuropa. Im Osten des Landes tauchte der Enok erstmals Anfang der sechziger Jahre auf. Das ist auch der Verbreitungsschwerpunkt des Allesfressers. Etwa 95 Prozent der gesamten Marderhundstrecke entfallen allein auf Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die bundesweite Marderhundstrecke hat sich von 1995 bis 1998 fast verzehnfacht (von 398 auf 3250 Tiere), was auf eine deutliche Bestandessteigerung schließen lässt. Auf Jasmund sind 2006 78 und 2009 schon 184 Marderhunde zur Strecke gebracht worden.