Jagdunfall: Saß Waidmann beim Schuss auf dem Autodach?

OZ vom 7. August Stefanie Büssing Der angeschossene Traktorfahrer schwebt weiterhin in Lebensgefahr. Landwirtschaftsminister Till Backhaus ruft die Jäger zur Vorsicht bei der Erntejagd auf.

Bergen. Nach einem Jagdunfall, bei dem am Sonnabend ein Traktorfahrer bei der Rapsernte vermutlich durch den Querschläger eines Jägers in den Bauch getroffen wurde (OZ berichtete), schwebt der 42-Jährige weiterhin in Lebensgefahr. Der Zustand des Mannes sei unverändert, sagte Antje Unger von der Polizeiinspektion Stralsund gestern. Er sei operiert worden, habe aber zum Unfallhergang bislang nicht befragt werden können.

Nach Angaben der Polizei hatte der Jäger auf eine Bache mit Frischlingen gezielt, die aus dem Raps gelaufen war. Der Erntefahrer hatte kurz nach dem Schuss mit lebensbedrohlichen Verletzungen im Bauchraum angehalten. Bei dem Gingster handelt es sich um einen Mitarbeiter der Agrargenossenschaft in Neklade. Nach OZ-Informationen soll der Schütze der Freund eines leitenden Mitarbeiters der Agrargenossenschaft sein.

Wie sich nun herausgestellt hat, hat der 63-Jährige von einer aus Holz bestehenden Kanzel geschossen, die auf ein Fahrzeug aufmontiert war. „Es muss geprüft werden, ob das den Anforderungen des Landwirtschaftsministerium entspricht", sagte Unger.

Das Ministerium hat nach einer Unfallserie im Jahr 2008 bereits die rechtlichen Grundlagen für Erntejagden verschärft. Damals starben drei Menschen bei Jagden in MV, einer von ihnen bei einer Erntejagd. Nun darf im Land während der Ernte nur gejagt werden, wenn von einer so genannten „erhöhten jagdlichen Einrichtung" aus geschossen wird, um das Risiko von Querschlägern zu vermeiden. Eine verbindliche Höhenvorgabe gibt es dafür jedoch nicht.

„Rein theoretisch ist eine solche Konstruktion zulässig", sagt Rainer Pirzkall vom Landesjagdverband MV über die Kanzel des Unglücksschützen, „aber nur, wenn sie standfest und trittsicher ist.

Entscheidend ist, dass nicht flach sondern aus einem steilen Winkel geschossen wird." Der Vorfall sei mehr als traurig, betont Pirzkall. Eine Notwendigkeit, die Erntejagd zu verbieten oder die Gesetze zu ändern, sieht er jedoch nicht: „Seit 2008 gibt es die verschärften Gesetze und seitdem sind die Unfallzahlen zurückgegangen. Wichtig, ist, dass man sich auch an diese Vorschriften hält."

Das betont auch Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). „Die Regelung ist nach zunächst strittiger Diskussion inzwischen durchaus anerkannt, weil der Sicherheitsaspekt gegenüber einem Jagderfolg schlichtweg überwiegt", sagt Backhaus, der nach dem Unfall auf Rügen zu besonderer Vorsicht bei der Erntejagd aufrief. „Der Vorfall ist überaus bedauerlich und macht deutlich, wie unerlässlich es ist, dass alle Jäger die Sicherheitsbestimmungen einhalten."

Für Holger Nebel, Chef des Jagdverbandes Rügen gehen die so genannten Unfallverhütungsvorschriften jedoch nicht weit genug. „Man muss erhöht sitzen, aber das ist auf einem Autodach nicht wirklich gegeben", sagt er. Hinzu komme, dass ein Auto schnell ins Wanken gerate. „Wenn ich da mit 80 Kilogramm drauf sitze, wie soll ich dann einen sicheren Schuss abgeben?" Nebel fordert daher die Vorgabe einer Mindesthöhe für Hochsitze: „Hier muss der Gesetzgeber dringend nachbessern."

Auch Kati Ebel, Geschäftsführerin des Landesjagdverbandes, bedauert den Vorfall. „Jeder Unfall ist einer zu viel", sagt sie und fordert eine umfassende Aufklärung. Sollte der Jäger gegen die bestehenden Vorschriften verstoßen haben, müsse dies Konsequenzen haben. Im betroffenen Agrarbetrieb wollte man sich zu dem Vorfall gestern nicht äußern. Die Kriminalpolizei versucht derzeit, den genauen Unfallhergang zu rekonstruieren und hat inzwischen den 63-Jährigen aus dem nordrhein-westfälischen Landkreis Steinfurt befragt. Gegen den Jäger wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung ermittelt.Unfall erinnert an einen Fall aus dem vorigen Jahr Der tragische Jagdunfall in Neklade am vergangenen Sonnabend erinnert an einen ähnlichen Fall, der sich im vergangenen Juli auf der Insel ereignet hat. Dabei war ein Mähdrescherfahrer aus Garftitz ebenfalls bei der Rapsernte zwischen Binz und Serams von Splittern an der linken Hand verletzt worden. Das Geschoss hatte die Seitenscheibe seines Mähdreschers durchschlagen. Der Fahrer hatte Glück, er kam mit Schnittverletzungen davon.