„Natur Natur sein lassen“ funktioniert so nicht

Ostsee Anzeiger 18. April 2012 von Andreas Pfaffe Jagd ist Naturschutz - Jäger bescheinigen dringenden Handlungsbedarf.

Juliusruh (apf). Die Mitgliederversammlung des Jagdverbandes Rügen hat am vergangenen Samstag überraschende Ergebnisse der Wissenschaft präsentiert. Aktuell liegen zwei Forschungsergebnisse vor die sehr nachdenklich stimmen und zum Handeln zwingen, so der Vorsitzende Holger Nebel in seinem Bericht.

Im Lewitz- Projekt zur Untersuchung einheimischer Raubsäuger und deren Einfluss auf Wasservögel stellen die Forscher der TU Dresden fest: „Die Ergebnisse des Brutvogelmonotorings zeigen, dass bei einer Verringerung der Raubwilddichte durch konsequente Bejagung eine deutliche Verbesserung des Brutergebnisses möglich ist und eine weitere Verbesserung möglich sein sollte." Auch könnte bei entsprechend geringer Prädatorendichte eine Wiederansiedlung ehemaliger Brutvögel erfolgen.

„Weitaus umfassender liegt der Abschlussbericht des von Thünen Institutes Eberswalde bezüglich der Fuchsforschung auf Rügen mit Zuarbeit der AG Küstenvogelschutz vor. Im Fazit eine Bankrotterklärung des derzeit praktizierten Artenschutzes in unseren Großschutzgebieten", so Nebel.

In der Zusammenfassung der im Auftrag des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern erarbeiteten Studie „Ergebnisse des Jungfuchsfanges und der Jungfuchsmarkierung auf der Insel Rügen mit einer Anlage Bewertung des Einflusses von Prädatoren und Schwarzwild in den Küstenvogelschutzgebieten Mecklenburg-Vorpommerns, insbesondere im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft" heißt es:

„Die in den zurückliegenden Jahren drastische Erhöhung der Fuchs- und Marderhundbesätze, der durch Tierbefreiungen begünstigte Anstieg der Minkpopulationen sowie Schwarzwildbestände auf höchstem Niveau erhöhen den Prädationsdruck auf bodenbrütende Arten enorm. In den Küstenvogelschutzgebieten wurde in den letzten Jahren ein breites Artenspektrum von Beutegreifern ermittelt. Neben dem Haarraubwild haben auch zahlreiche Vogelarten einen nicht unbedeutenden Einfluss auf den Bruterfolg der Küstenvögel.

Die Küstenvogelbrutbestände im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft sind von gut 20.000 Brutpaaren im Jahr 1990 u.a. auch auf Grund der hohen Prädation auf 6.000 Brutpaare im Jahr 2010 gesunken und ein weiterer Rückgang ist wahrscheinlich. Der Anteil der Brutbestände im Nationalpark erreicht zwischen 40 und 50 Preozent der Landesbestände an Küstenvogelbruten. Neben der aktuell dringend notwendigen Revitalisierung der Lebensräume an den Küsten und auf den Inseln, ist eine wirksame und nachhaltige Minderung des Beutegreiferdruckes ein zwingendes Erfordernis. Zum Einfluss von Prädatoren ist ein umfassendes, wissenschaftlich fundiertes Schrifttum verfügbar, das aber von Entscheidungsträgern aus unterschiedlichen Gründen nur am Rande oder gar nicht zur Kenntnis genommen wird!

Die vielerorts praktizierte Nichtbejagung von Beutegreifern auf zahlreichen Flächen steht dem Artenschutz, dem Erhalt von Biodiversität und Artenvielfalt sowie der Tierseuchenprophylaxe diametral entgegen. Bei den Neozoen Marderhund, Mink und Waschbär widerspricht sie sogar den Empfehlungen der Berner Konferenz von 1999.

Zur Kenntnis genommen werden muss auch, dass in unseren jahrhundertelang vom Menschen gestalteten Kulturlandschaften, auch Nationalparken, Konzepte wie 'Natur Natur sein lassen' nicht mehr greifen können. Wenn die anhaltenden Forderungen nach Erhalt von Biodiversität und Artenvielfalt in unseren, insbesondere den 'sensiblen' Landschaften, umgesetzt werden sollen, sind neue, von ökologischem Wunschdenken befreite, wissenschaftlich fundierte Konzepte zu erarbeiten, zu erproben und umzusetzen.

Allen voran muss aber der Versuch der Klärung der Frage gehen, was in den gegenwärtig vorhandenen noch 'naturnahen' Lebensräumen und Nutzlandschaften überhaupt noch realisierbar ist."

Auf seiner Mitgliederversammlung am vergangenen Samstag im Freizeitcamp Juliusruh haben die Delegierten der Rügener Hegeringe einstimmig beschlossen, fortan den Namen „Jagdverband Rügen e.V." zu führen. Diese Änderung war notwendig geworden, weil der einstige Kreis Rügen im Landkreis Vorpommern-Rügen aufgegangen ist. Von dort überbrachte der stellvertretende Landrat Lothar Großklaus die Grüße von Landrat Ralf Drescher und wünschte für die Zukunft, dass sich aus den derzeit zwei Jagdverbänden im Kreis in absehbarer Zeit ein gemeinsamer Verband mit einem Ansprechpartner entwickeln möge.

Auch Dr. Volker Böhning, Präsident des Landesjagdverbandes M-V e.V., zählte zu den Gästen. Auch er steht auf der Seite der seit Jahren um die Bejagung von Prädatoren streitenden Jägerschaft: „Die Artenvielfalt wird leiden, wenn Prädatoren nicht kurz gehalten werden."

Der Rügener Verbandsvorsitzende Holger Nebel fügte dem hinzu: „Sehr zufrieden bin ich mit der Zusammenarbeit mit Burkhard Lenz. Als Mitglied des Agrarausschusses können wir nun auch dort sachliche Probleme einbringen und zur Aufklärung von Zusammenhängen beitragen.

Die Vernetzung von Forschung, Entscheidungsträgern im Kreis und vor allem im Landtag mit der jagdlichen Praxis vor Ort ist immens wichtig für die künftige Jagdausübung in unserem Land. Den Fehler der anderen Landesverbände dürfen wir nicht wiederholen - die Abgeordneten über die Jagd aufzuklären, wenn bereits Gesetzentwürfe in der Lesung sind, ist zu spät. Jammern hilft da gar nichts. Die Jägerschaft hat bundesweit jahrzehntelang versäumt, über unser weidgerechtes Tun aufzuklären. Die Folgen erkennt man unschwer in den Grün mitregierten Landesregierungen.

Mit viel Polemik und sehr guter Pressearbeit schaffen es die grünen Gutmenschen die gängige Jagdpraxis vielerorts auszuhebeln, während die Jäger es teilweise nicht schaffen, über die Reviergrenzen hinweg zu denken oder zu handeln.

Wir müssen uns künftig, ausgestattet mit wissenschaftlichen Fakten, mehr Gehör verschaffen." Und zum Thema „Natur Natur sein lassen" stellt der Vorsitzende fest: „Die Ergebnisse liegen Minister Backhaus vor, der Landesjagdverband wird diesbezüglich hoffentlich mit Nachhall Forderungen zur Wiederbejagung an den Minister stellen. Ich werde mich dafür einsetzen. Übrigens rudert man auch in Sachsen-Anhalt zurück - nachdem die Bestände an Seeschwalben durch die Prädation von Minken zusammengebrochen sind schult man nun Jäger in Fangjagd und stellt Fallen zur Verfügung. Nun sollen die Jäger die Kuh vom grünen Eis holen und müssen viel Zeit und Geld investieren, um das nicht realisierbare Ziel der Artenvielfalt ohne Bejagung von Prädatoren in Schutzgebieten zu erreichen. Natur Natur sein lassen kann in der Kleinflächigkeit unserer Schutzgebiete nicht funktionieren!"

Bereits im Dezember 1997 wurde dem Umweltministerium M-V eine von diesem in Auftrag gegebene Arbeit von Prof. Dr. A.J. Helbig von der Ernst-Moritz-Arndt Uni Greifswald sowie Dr. R. Klenke und Dr. F. Erdmann vom Institut für Landesökologie und Naturschutz Greifswald zur „Wirksamkeit von Schutzgebieten für die Bestandserhaltung gefährdeter Küstenvögel in Abhängigkeit vom Einfluss tierischer Räuber" vorgelegt. In dieser wurden sämtliche negativen Einflüsse auf die Brutbestände unserer Küstenvögel dargelegt, sowie Handlungsempfehlungen gegeben, so Gert Graumann von der AG Küstenschutz M-V.

Und er fügt dem hinzu: „Diese Grundsatzarbeit wurde und wird offensichtlich von unserer obersten Umwelt- und Naturschutzbehörde ignoriert.